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Ein bunter Roadtrip durch den Indian Summer

USA Indian Summer Vermont

Auf der Suche nach einem kunterbunten Roadtrip? Hier findest du den perfekten Reiseplan durch Neuengland, das sechs amerikanische Bundesstaaten umfasst (Connecticut, New Hampshire, Maine, Massachusetts, Rhode Island und Vermont).

  1. Von New York City über Long Island nach Boston

Unser Roadtrip startet in New York City. Mit unserem (10,40 Meter langen!) Camper steuerten wir zunächst Long Island an, denn wir wollten uns ein Bild machen: Wo verbringen die reichen New Yorker ihren Urlaub? Bereits Ende des 19. Jhd. errichteten betuchte New Yorker das 125 mi lange Long Island mit ihren Sommerhäusern. Ganz besonders stechen die Hamptons heraus – hier verbringen also die Reichen und Schönen in den bekannten Sommerresidenzen ihre freien Tage. Es gibt keinen Zweifel, ein wunderschönes Fleckchen Erde mit feinstem Sandstrand, Ausblick auf einen Leuchtturm und gepflegte Villen mit weißer Holzverkleidung, die hinter den Dünen liegen. Nach der 3-stündigen Autofahrt gönnten wir uns hier eine kleine Pause:

USA Long Island

Stündlich legt die Fähre in Orient Point nach New London/Connecticut ab. Die Überfahrt dauert etwa 80 Minuten. Nach weiteren 20 Minuten Fahrt mit unserem Camper erreichten wir Stonington.

USA Ostküste Stonington USA Ostküste Stonington Pavillion

10 Meilen weiter schauten wir uns nach einem geeigneten “Schlafplätzchen” um. In einsameren Regionen ist es durchaus legal, auch ohne Campground ein Plätzchen für die Nacht zu finden (erlaubtes dispersed camping). Wichtig hierbei ist allerdings, dass die “Private Property” (Privatbesitze) respektiert werden, da diese in Amerika einen hohen Stellenwert haben. Wir riskierten es nicht, auf verlassenen Privatgründstücken zu campen. Zumindest nicht, ohne vorher zu fragen! Aber hin und wieder holten wir uns die Erlaubnis von den Locals und nächtigen an wunderschönen Orten, wie z. B. am Misquamicut Beach.

USA Ostküste Misquamicut Beach Abenddämmerung USA Ostküste Misquamicut Beach Sundown USA Ostküste Misquamicut Beach Sonnenuntergang

Und was gibt es nun schöneres als an so einem Ort zu nächtigen? Was empfindet man, wenn man an einem solch wunderschönen Platz einschläft und am nächsten Morgen von zarten Sonnenstrahlen geweckt wird? Das absolute Freiheitsgefühl und die pure Lebensfreude.

USA Ostküste Misquamicut Beach Sonnenaufgang

Da soll mir nochmal jemand sagen, dass Campen keinen Spaß macht! Ich behaupte das Gegenteil. Früh im Camper die Vorhänge aufziehen und so ein Ausblick. Kein Hotel der Welt, auch wenn es ein 5-Sterne-Schuppen ist, kann mir dieses Gefühl ersetzen.

Weiter geht der Roadtrip. Nachdem wir zwei enorme Brücken passierten, kamen wir schließlich in Newport an. Hier haben die “Superreichen” ihre privaten Tennis-, Polo-, Golf- und Yachtclubs. Zum Pflichtprogramm gehört die küstennahe Rundstrecke um die äußerste Südspitze der Newport-Halbinsel (Ocean Drive). Wir tuckerten weiter über die I-195, denn unser Ziel war: Cape Cod. Wie ein angewinkelter Arm mit einer auf Boston gerichteten Faust  erscheint diese Halbinsel im Südosten von Massachusetts. Um es gleich vorwegzunehmen: Cape Cod war für uns ein abolutes Highlight. Kilometerlange weiße Strände der National Seashore, Dünen, Süßwasserseen, Kiefernwälder etc. All das macht Cape Cod Peninsula zum Paradies! Ein sehr schöner Campground befindet sich im Nickerson State Park, der zu den schönsten im amerikanischen Nordosten gehört. In Kiefern- und Eichenwäldern liegen fünf Seen mit Stränden.

Auch wenn die Stadt an der Spitze liegt sollte man sie unbedingt besichtigen! Die Rede ist von: Provincetown. Es ist kunterbunt, schrill, kitschig und touristisch, aber zugleich auch ein wunderschönes kleines Städtchen direkt am Meer. Niedliche kleine Häuser mit farbenprächtig angelegten Gärten verfeinern das Stadtbild. Der Trubel spielt sich insbesondere auf der 2,5 mi langen Commercial Street ab. Neben Kunstgalerien, kleinen Boutiquen, Schnickschnack, Fast-Food und Gourmet-Restaurants gibt es so ziemlich alles, was das Herz begehrt. An der Wharf befindet sich der originelle Lobster Pot. Vielleicht klingt es komisch, aber ein Lätzchen mit netter Aufschrift “time to get cracking” ist beim Hummer-Essen ein Muss. Andernfalls würde ohne Lätzchen eine große Sauerei drohen, denn das Scherentier wird in Schale samt Zange serviert. Als Beilage gibt es Butter zum Tunken, Mais und Krautsalat.

Next stop: Boston, Massachusetts

So sehr wir Camping auch lieben, in den Großstädten kann es teilweise schwierig werden, aber niemals unmöglich, denn für jedes “Problem” gibt es eine Lösung. Im Stadtbereich von Boston gibt es zwar keinen Campingplatz, aber wir stellten unseren RV im Wompatuck State Park ab, von wo aus stündlich eine Passagierfähre zur Rowes Wharf mitten in Boston fährt.

Sightseeing: Wie in vielen Städten, werden auch in Boston Hop-on-hop-off Touren angeboten. Dies ist meist eine gute Möglichkeit, eine Stadt zu erkunden. Innerhalb eines Tages kann man die Stadt mit den Trolleys gut besichtigen. An allen 19 Stationen kann man ein- und aussteigen. Alternativ gäbe es noch die Boston Duck Tours mit Amphicars. Der Reiz daran ist, dass diese auch ein Stück ins Hafenwasser schippern.

Freedom Trail und Downtown: Amerikas ältester öffentlicher Park “der Common” ist in Verbindung mit den Public Gardens die zentrale Grünfläche der Stadt. Die Hauptgeschäftsstraße heißt Downtown Crossing und verläuft parallel der Washington Street zur östlichen Parkgrenze des Common. Hier beginnt auch der Freedom Trail. Der 4 km lange Freiheitspfad führt vorbei an 16 historischen Gebäuden und Gedenkstätten der amerikanischen Unabhängigkeit.

Hat man genug von Sightseeing bietet sich der Harbourwalk an. Es gibt hier schöne Cafès, Restaurants, Grünanlagen, Ruhezonen und Skulpturen. Nach zwei Tagen voller Information über Geschichte und Kultur waren wir ausreichend gesättigt und wollten zurück in die Natur.

2. Von Boston über die White Mountains nach Montreal

So tuckerten wir also ab Boston immer dem Indian Summer entgegen. Wir kauften uns die brandaktuelle New York Times, um herauszufinden, wie weit wir noch entfernt waren von der ersehnten Farbenpracht. Während wir durch kleine Ortschaften fuhren, fiel uns plötzlich eine unübersehbare “Clam Box” in Ipswich auf. Sie zählt als beliebtestes Seafood take-out Lokal weit und breit. Das kam uns gerade recht und wir gönnten uns ein leckeres fast seafood. Weit konnten wir nicht mehr entfernt sein, denn die Bäume am Straßenrand zeigten sich bereits in kunterbunten Farben.

USA Ostküste Indian Summer Straßenrand

Je nördlicher wir kamen, desto mehr veränderte sich die Natur. Schon auf weite Ferne sahen wir die White Mountains mit Gipfeln bis fast 2.000 Meter, das höchste Gebirge im Nordosten. Sie erstrecken sich über ein Viertel des Staates New Hampshire und einen kleinen Teil des östlichen Staates Maine. Das Gebiet zählt als eine der farbigsten Regionen während des Indian Summers. Somit waren wir “leaf peeper” (Laubgucker) genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Der New York Times sei Dank, die auf ihrer Wetterseite eine Grafik abbildete, wo die Foliage gerade auf dem Peak, dem farblichen Höhepunkt, war. Ohne jegliche Übertreibung: NIEMALS zuvor haben wir so eine kunterbunte Herbstlaubverfärbung gesehen. Es war das reinste Naturphänomen und verschlug uns die Sprache. Wanderschuhe raus und durch bunte Blätterhaufen hinauf auf die Gipfel!

USA Ostküste Indian Summer USA Ostküste Indian Summer explodierende Farben

Mittendrin der Mount Washington, mit seinen 1917 Metern die höchste Erhebung im Nordosten der USA. Mit der originellen Zahnradbahn (Mount Washington Cog Railway), tuckerten wir im Schneckentempo bei bis zu 37% Steigung auf den Gipfel. Super windig und kalt, aber eine herrliche Aussicht ohne Nebelschwade.

USA Ostküste Mount Washington Cog Railway USA Ostküste Mount Washington Aussicht

Aber wie genau entsteht eigentlich der Indian Summer (oder auch Foliage genannt)?

Aufgrund dessen, dass die Gebirgszüge in Nord-Süd-Richtung verlaufen, kann im Herbst polare Kaltluft ungehindert nach Süden vordringen. Nachdem aber im September/Oktober noch kräftige Sonneneinstrahlung für viel Wärme sorgt, entstehen enorme Tag-/Nacht-Temperaturunterschiede, die zu gegenläufigen Reaktionen im Baum führen. Der Baumstamm bereitet sich bereits auf den Winterschlaf vor, die Blätter allerdings erleben tagsüber wieder “Frühlingsgefühle”. Dieses Durcheinander lässt den einzigartigen Indian Summer entstehen. Die Fall Foliage dauert etwa vier Wochen. Es gehört ein Quäntchen Glück dazu, dass man die wunderschöne Farbenpracht tatsächlich zu Gesicht bekommt. Sie beginnt nämlich in New England höhenabhängig Mitte bis Ende September in Vermont und New Hampshire und endet Mitte Oktober im westlichen Massachusetts und Connecticut.

Sooo viele rosa-gelb-orange gefärbte Blätter des Sugar Maple haben wir gesehen (andere Ahorn-Arten entwickeln eher rote Blätter). Wir hatten das romantische Bild vor Augen, wie Bauern in Schneeschuhen von Baum zu Baum gehen, um Zapfhähne in die Baumrinde zu schlagen und Eimerchen darunter zu hängen, während danach die vollen Behälter zu Sugar Houses transportiert werden und der Saft in einem großen Kessel über offenem Feuer eingekocht wird… das war wohl früher so! Heutzutage sind die Bäume über Plastik-Pipelines mit Containern verbunden. Der Saft wird automatisch in Tankwagen gepumpt und in zentralen Sammelstellen zu Sirup eingekocht. Habe ich eigentlich  schon mal erwähnt, dass ich Pancakes mit Ahornsirup über alles liebe? Ich war also im Sugar House der Bragg Farm, East Montpelier in Vermont im wahren Paradies! Habt ihr jemals Blaubeer-Milchshake mit Ahornsirup probiert? Falls nicht, bitte tut es – die absolute Geschmacksexplosion!

USA Bragg Farm East Montpelier

Tipp: Vermont ist Amerikas größter Ahornsirup-Produzent. Je heller und flüssiger er ist, desto besser die Qualität. Unbedingt vorrätig für zu Hause einkaufen!

Der Roadtrip schlängelte sich, mit Blick auf Tal oder Hügel, wie eine Achterbahnfahrt (nur eben in Slow Motion) auf und ab – links und rechts explodierten die Farben. Man merkt ganz schnell: in Vermont ist die Welt noch in Ordnung. Hin und wieder stehen große rote Scheunen am Wegesrand, Städte sind kaum zu sehen. Dafür allerdings immer wieder kleine Dorfläden oder Verkaufsstände, in denen handgemachte Seifen, Käse oder Ahornsirup verkauft werden. Wer irgendwo im Nirgendwo anhält und mit den Füßen durch die Laubberge raschelt, weiß, was wahres Indian-Summer-Gefühl ausmacht.

Ob ich jemals genug von Süßem bekomme? Die Antwort lautet definitiv: nein! Zu meinem großen Glück erfuhr ich, dass es in unmittelbarer Nähe der Bragg Farm eine knallbunte Eisfabrikstation gibt. Und zwar nicht nur irgendein Eis, sondern das heißgeliebte Ben&Jerry`s. Was ich bis dato nicht wusste: es gibt 54 verschiedene Eissorten. Eine sehr humorvolle Frau führte uns durch das Werk und am Ende waren wir hoffnungslos überfordert: Blondie Brownie, One Sweet World, Vanille mit Kakao-Crunch, Choc Chip Cook Dough, usw.?!?!?!)

USA Ostküste Vermont Eisfabrik Ben and Jerry`s

Nach einer überaus süßen aber leckeren Stärkung ging es weiter. Von bunten Ahornblättern über medizinballgroße Kürbisse, Hektar große Obstplantagen: die Landschaft kennt hier keine Grenzen.

Apropos Grenze

USA Ostküste Grenzübergang USA_Kanada

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